Tränenpalast
Tränenpalast

Heute am 5. Februar 2018 ist der „Zirkeltag“ oder „Circle Day“ (warum auch immer, muss Englisch dabei sein)

Was heisst das?
„Die Mauer“, die unser Deutschland seit dem 13. August 1961 teilte, ist seit 28 Jahren, zwei Monaten und 26 Tagen Geschichte. Und sie stand genau so lange. Deshalb Zirkeltag.

Es gibt heute unzählige Berichte und Sendungen, die diesen Zirkeltag feiern. Ich möchte mit diesem kleinen Blogbeitrag einfach nochmals daran erinnern, dass es keinesfalls selbstverständlich ist, ein gemeinsames Deutschland mit Demokratie, freien Reisen und anderen Annehmlichkeiten zu haben.

Dolores O´Riordan mit The Cranberries live in Barcelona, März 2010 Author Alterna2 http://www.alterna2.com

Die Sängerin Dolores  O´Riordan ist tot. Sie war die Sängerin der Band „The Cranberries“. Einer ihrer bekanntesten Lieder ist „Zombie“, der als Protestsong gegen den Nordirlandkonflikt gilt.
Dolores O’Riordan schrieb den Text während einer Tour der Band 1993 in England in Erinnerung an Jonathan Ball und Tim Parry, zwei Kinder, die während eines Bombenanschlags der IRA am 20. März 1993 in Warrington getötet wurden.
Passagen des Liedes beziehen sich auf den Osteraufstand 1916 und seine traumatischen Folgen.

Dolores O´Riordan wurde gerade mal 46 Jahre alt.

 

Da sind Kinder und Jugendliche aus Afghanistan geflohen. Das Wort geflohen ist wichtig. Nicht ausgewandert. Oder für ein FSJ mal ein Jahr weggegangen. Oder ein Jahr Australien, NewYork oder was auch immer. Geflohen aus einem Land, vor dem das Auswärtige Amt warnt, weil es zu unsicher ist. Zu unsicher für Deutsche, aber scheinbar sicher genug für Menschen, die vor einiger Zeit aus Angst aus ihrem Heimatland geflohen sind. In ein Land, in dem sie erst mal Sprache und Gepflogenheiten zumindest ansatzweise lernen mussten. Junge Menschen, die nichts anderes als Terror und Gewalt in ihrem Leben erfahren und gesehen haben.

Im Angesicht der Gräueltat in Manchester, stehe ich wieder da – hilflos und traurig, aber auch wütend. Ich stehe so da, wie damals bei den Anschlägen in Paris, Nizza, London, Berlin… – und in Afghanistan, Syrien, Thailand, Afrika…

Ich stehe da, fühle Trauer. Trauer, weil Menschen einfach so ermordet wurden. Menschen, die der Mörder nicht kannte, Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Trauer, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können.

Ich stehe da und bin wütend. Wütend über die, die schon wieder alles besser wissen. Über die, die (vielleicht zu Recht?) beklagen, dass das alles nur auf die kapitalistische Ausrichtung unserer westlichen Welt zurückzuführen ist. Über die, die wieder in den ewig gleichen Sätzen ihr Mitgefühl ausdrücken, aber im nächsten Moment sich wieder von den politischen Mächten missbrauchen lassen.

Endlich an der Luft, die frische Luft, die ich so sehr vermisst habe.
Befehle, Schreie, Menschen, die Menschen irgendwohin treiben
Menschen, die andere Menschen verraten, belügen
Menschen, die anderen Menschen Leid zufügen
Zwei Klassen von Menschen. Menschen mit und ohne Stern.
Trotzdem Menschen
Wir wurden verraten.
Warum mussten wir uns verstecken?
Jetzt kommen wir in ein Straflager
Weil wir uns nicht freiwillig gemeldet haben
Warum sollten wir uns melden?
Weil wir Juden sind?
Weil wir eine Gefahr sind?
Für wen?
Für die Menschen?
Für die Deutschen?
Für die Niederländer?
Wir kommen in die Waggons
Ganz normale Waggons
Mit Fenstern
Die Türen werden von aussen geschlossen
Aber die Fenster sind nicht verdunkelt
Ich sehe die Landschaft
Felder, Wiesen
Ich sehe den Himmel und die Wolken
Es ist Sommer
August
Und ich bin tagsüber endlich wieder „draussen“
Das Versteckspiel hat ein Ende
Ich bin erleichtert
Glaube, dass doch alles gut wird
Ich will nicht nachdenken
Nicht jetzt
Habe so viel nachgedacht
Habe so viel geschrieben
Ich will einfach das Licht geniessen
Die Sonne
Den Sommer
Durch die Glasscheiben
Des Zuges, der uns ins Straflager bringt
Wir werden bestraft, weil wir anders sind
Und Menschen brauchen Menschen, die anders sind
Menschen, die an allem schuld sind
Menschen, die man bestrafen kann
©Jörg Wagner