Silbenton hat für Juni die Juniverse 2026 gestartet. Jeden Tag ein anderes Wort. um das sich ein Gedicht ranken soll.
Für den 4. Juni ist das Wort „Drache“.
Drachen werden oft beschrieben
als böse Wesen, wild getrieben.
Manchmal stimmt das, ohne Frage –
doch nicht in jeder alten Sage.
Denn in einem fernen Lande
lebt ein Volk ganz andrer Bande:
Drachen, klein und kaum zu sehen,
die auf leisen Flügeln gehen.
Fast unsichtbar, ganz zart und fein,
doch niemals wirklich ganz allein.
Denn ihrer gibt es eine Schar,
verborgen zwar, doch wunderbar.
Sie reisen aus in Seifenblasen,
wenn nachts die Menschen endlich schlafen.
Im Dunkel haben sie das Glück,
dass niemand ihnen nahe rückt.
Ihr Ziel ist dort, wo Träume wohnen,
wo Fantasie und Hoffnung thronen,
bei Menschen, die noch fühlen können,
auch ihren Tränen Namen nennen.
Die mit uns lachen, statt zu spotten,
die lieber hören als zu rotten,
die staunen und Geschichten lieben
und manchmal selbst Gedichte schrieben.
Dort kommen dann die Drachen an
und machen sich ans Werk sodann.
Sie spüren jene Schatten auf,
die sich im Alltag nehmen Raum.
Mit ihrem Feuer, warm und klar,
verbrennen sie, was lähmend war:
den Zweifel und die kleine Angst,
die sich durch lange Tage rankt.
Und wenn der erste Morgen graut,
kein Mensch hat ihre Spur geschaut,
dann kehren sie, ganz still und sacht,
zurück in ihr Land vor Tag und Nacht.
Und manche meinen beim Erwachen,
sie hätten alles nur erdacht.
Doch wer noch staunen kann, der weiß:
Manchmal reisen Drachen leis.