Wie viele sicher schon wissen, oder es zumindest vemuten: Ich fahre gerne Zug. Am liebsten würde ich alle Reisen mit dem Zug machen, aber da sind die diversen Bahngesellschaften immer gerne bereit, einem die Eisenbahnschienen vorher so zu verbiegen, dass dann doch ein anderes Verkehrsmittel zum Tragen kommt.
Trotzdem bin ich letztens über das Wort „Zugreisende“ gestolpert. Und da ist mir aufgefallen, dass ich, mit zunehmendem Alter, vielleicht wie Emil, den ich unten beschreibe, zum zugreisenden Zugreisenden werde.
Als Emil zum ersten Mal allein in einen Zug stieg, war er jung genug, um den Schaffner zu fragen, ob die Wolken eigentlich mitfahren.
„Man wird sehen“, antwortete der Schaffner.
Das wurde Emils Lebensmotto.
Er fuhr zunächst von Stadt zu Stadt, später von Termin zu Termin und irgendwann einfach nur noch von Gleis zu Gleis.
Er liebte den Rhythmus der Räder, das leise Schaukeln der Waggons und die Gewissheit, dass hinter jeder Kurve eine andere Landschaft wartete.
„Du bist ständig auf Zugreisen“, sagten seine Freunde.
„Vielleicht“, sagte Emil. „Oder die Züge sind ständig auf Emilreisen.“
Mit den Jahren veränderte sich etwas.
Nicht auf einen Schlag. Niemand wacht morgens auf und stellt fest: „Heute bin ich ein Greis.“
Es geschieht in kleinen Etappen.
Zuerst begann Emil, die Sitzplätze nach ihrer Beinfreiheit auszuwählen statt nach der Aussicht.
Dann freute er sich über funktionierende Steckdosen.
Und irgendwann sprach er von „früher“, als die Durchsagen noch verständlich gewesen seien – obwohl das vermutlich nie gestimmt hatte.
Die Haare wurden grau, die Fahrkarten digital und nur die Verspätungen blieben erstaunlich konstant.
Eines Tages sah Emil sein Spiegelbild im dunklen Zugfenster.
Statt des jungen Mannes, der einst neugierig hinausgeschaut hatte, blickte ihm ein freundlicher älterer Herr entgegen.
Da musste er lachen.
Er war nicht einfach alt geworden.
Er war ein zugreisender Zugreisender geworden.
Ein Mann, den nicht nur das Alter, sondern unzählige Zugreisen zum Greis gemacht hatten.
Fortan fiel ihm auf, dass jede Fahrt ein kleines Stück Leben gewesen war.
In einem Abteil hatte er seine spätere Frau kennengelernt.
Auf einem Bahnsteig hatte er Abschied von seinem Vater genommen.
Zwischen zwei Stationen hatte er beschlossen, den Beruf zu wechseln.
Und auf zahllosen Fahrten hatte er aus dem Fenster gesehen und geglaubt, nichts Besonderes zu erleben – bis ihm auffiel, dass genau daraus ein Leben bestand.
Als der Zug eines Tages wieder einmal wegen einer „unvorhergesehenen betrieblichen Situation“ anhielt, verdrehten die jungen Fahrgäste genervt die Augen.
Emil lächelte nur.
„Stört Sie das Warten denn gar nicht?“, fragte eine Studentin.
„Früher schon“, sagte er. „Heute weiß ich: Ein Zug hält selten grundlos an. Und das Leben auch nicht.“
Die Studentin dachte eine Weile darüber nach.
Dann steckte sie ihr Smartphone weg und schaute zum ersten Mal seit einer Stunde aus dem Fenster.
Der Zug setzte sich gemächlich wieder in Bewegung und die Wiesen glitten vorbei, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Als Emil später ausstieg, half ihm ein junger Mann mit dem Koffer.
„Danke“, sagte Emil.
„Gern geschehen.“
„Wissen Sie“, sagte Emil lächelnd, „ich bin mein ganzes Leben Zug gefahren.“
„Hat sich das gelohnt?“
Emil sah dem abfahrenden Zug nach.
„Ich dachte immer, ich würde mit den Zügen durchs Land reisen. Heute glaube ich, die Züge sind mit mir durch die Zeit gereist.“
Der junge Mann nickte höflich. Wahrscheinlich verstand er den Satz erst viele Jahre später.
Denn manche Menschen werden einfach älter.
Und manche werden, ganz langsam und beinahe unbemerkt, zu zugreisenden Zugreisenden.
